Die Zahl der Neuerkrankungen an Tuberkulose (TB) in Deutschland ist nach einem deutlichen Anstieg 2015 (+ 27,8 % im Vergleich zum Vorjahr) im Jahr 2016 mit ca. 6000 gemeldeten Neuerkrankungen stabil geblieben. In Berlin lag die Inzidenz mit 10,6/100.000 Einwohner über dem Bundesdurchschnitt (7,2/100.000). Diese epidemiologischen Trends spiegelten sich in den vergangenen beiden Jahren auch in der Evangelischen Lungenklinik wider.

Etwa 70 Prozent der Neudiagnosen betreffen Migranten aus Hochinzidenzländern. Aufgrund von Sprachbarrieren und ihrer Biographie bedürfen diese Patienten besonders intensiver Zuwendung durch das medizinische Personal und den Sozialdienst im Krankenhaus. Auch andere sozioökonomische Faktoren wie Wohnungslosigkeit und Alkoholkrankheit spielen häufig eine Rolle. Hilfestellungen bei sozialen Problemlagen sind eine wesentliche Voraussetzung für ein erfolgreiches Management der Tuberkulose. Dazu trägt auch eine reibungslose Zusammenarbeit mit dem zuständigen Öffentlichen Gesundheitsdienst bei. In der Diagnostik der TB hat die Anwendung molekularbiologischer Methoden (Nukleinsäureamplifikationstests [NAT]) den Erregernachweis deutlich beschleunigt. Sie erlauben zudem eine zeitnahe Analyse der häufigsten Resistenzgene, so dass multiresistente Tuberkulosen (MDR) schnell identifiziert werden können. NAT ersetzen jedoch nicht die Mikroskopie und den weiterhin als Goldstandard geltenden kulturellen Erregernachweis. Bei extrapulmonalen Tuberkulosen (25 Prozent der 2016 in Deutschland diagnostizierten Tuberkulosefälle) und tuberkulöser Pleuritis gelingt ein Erregernachweis nicht immer, dann steht die Biopsie mit histologischem Nachweis einer granulomatösen Entzündung im Vordergrund. Die medikamentöse Standardtherapie der TB hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Neue Herausforderungen stellen sich in der Therapie von MDR- und XDR (extensively drug-resistant)-Tuberkulose, die in der Evangelischen Lungenklinik nach nationalen wie auch internationalen Standards in Zusammenarbeit mit Referenzzentren therapiert werden. Nach Entlassung aus der stationären Behandlung wird die Weiterversorgung über unsere ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) gewährleistet.

Pulmonale nichttuberkulöse Mykobakteriose (pNTM)

Mit aktuell 3,3/100.000 Einwohnern ist die Inzidenz der pNTM ebenfalls tendenziell steigend. Betroffen sind meist ältere Patienten mit strukturellen Lungenerkrankungen wie Bronchiektasen und COPD. Im Gegensatz zur Tuberkulose ist nicht jeder Nachweis von NTM aus Atemwegsmaterialien gleichbedeutend mit einer behandlungsbedürftigen Infektion. Diagnostisch bedarf es einer Thorax-CT und in der Regel einer Bronchoskopie. Selbst wenn die Diagnose einer pNTM in Zusammenschau von Klinik, computertomografischen und mikrobiologischen Kriterien gestellt ist, müssen Vor- und Nachteile der langwierigen und potentiell nebenwirkungsträchtigen antibiotischen Kombinationstherapie mit dem Patienten detailliert besprochen werden. Die Behandlung wird in der Evangelischen Lungenklinik meist unter stationären Bedingungen eingeleitet und analog zur TB unter Kontrolle von klinischem Verlauf und unerwünschten Arzneimittelwirkungen ambulant fortgeführt.

In der ASV-Ambulanz der Evangelischen Lungenklinik können Patienten mit speziellen Fragestellungen, wie Einleitung einer präventiven Therapie bei latenter Tuberkuloseinfektion (LTBI) oder Diagnostik und Therapie nichttuberkulöser Mykobakteriosen, ambulant vorgestellt werden. Sprechzeiten nach Terminvereinbarung donnerstags 08 – 12 Uhr, Ansprechpartner ist Oberarzt Dr. med. H. Semper, Telefon 030 9482 516.

Dr. med. Fabian Leo
Facharzt für Innere Medizin, Klinik für Pneumologie, Evangelische Lungenklinik Berlin